Beiträge – Angehörige

Mit freundlicher Genehmigung von Frau Ursula Käflein:
die diagnose unserer mutter war "unheilbar". sie wollte sterben, aber nicht im krankenhaus an maschinen und apparaten, sondern menschlich und in würde. unser glück war, dass wir innerhalb von zwei tagen einen platz für unsere mama im odenwald hospiz bekamen. für uns alle war die einrichtung hospiz bis dahin unbekannt, aber aus der Rückschau hätten wir uns keinen schöneren ort wünschen können. wir fühlten von anfang an, dass hier eine sehr angenehme, wohltuende atmosphäre herrscht. die sterbenden sind gäste, keine patienten. das ist ein riesiger unterschied. wir fühlten uns im hospiz eigentlich gleich sehr gut aufgehoben, fast wie zuhause: sehr liebe einfühlsame schwestern und ehrenamtliche mitarbeiterinnen, wunschküche d.h. jeder gast kann seine essenswünsche mitteilen und bekommt sie dann auch zubereitet, sehr schöne gemütliche zimmer. man spürt, dass den gästen hier ihre letzte lebensphase so angenehm wie möglich gemacht wird.das spürte auch unsere mutter. sie prägte den begriff "sterbehotel". unsere mutter ging eigentlich nie gerne in urlaub, aber sie sagte des öfteren, der urlaub im sterbehotel gefällt mir eigentlich sehr gut, das hätte ich nicht gedacht. sie war sehr zufrieden und ausgeglichen. ja, sie blühte richtig auf. nach vier tagen bestellte sie ihren hausarzt zu sich ins zimmer ,um ihn zu fragen wann sie nun endlich abreisen kann. der arzt konnte ihr darauf natürlich keine antwort geben. daraufhin meinte sie am nächsten tag zu uns, hier ist es ja schön, aber nächste woche gehe ich dann doch lieber heim. das teilte sie uns nun täglich mit. nun machten wir uns gedanken und hatten sogar ein schlechtes gewissen unsere mutter überhaupt ins hospiz gebracht zu haben. das sagten wir dann auch den schwestern. sie hatten immer zeit für uns und meinten, dass das eigentlich ganz normal ist, viele ihrer gäste leben hier oft nochmals auf.ich erinnere mich ganz besonders an einen Nachmittag. mama hatte sehr viel besuch, auch unser hund polly durfte mit ins hospiz. es war  sehr lebhaft in ihrem zimmer, aber sie genoss es richtig. als alle weg waren schlief sie ein. ich saß neben ihrem bett und im flur spielte eine ehrenamtliche mitarbeiterin gitarre und sang das lied" meine zeit steht in deinen händen." dieses lied stimmte mich zuerst sehr traurig, aber nun wurde für mich klar, dass mama, mit nächste woche gehe ich heim, nicht ihr zuhause meinte, sondern heim in die ewigkeit.  drei tage später waren mein bruder und ich dabei als unsere mutter völlig überraschend den kopf zur seite drehte und für immer einschlief. so hatte sie es sich immer gewünscht. auch hier waren die schwestern liebevoll und mitfühlend an unserer seite, durch ihre besondere fürsorge nahmen sie uns die angst vor dem tod.dafür sind wir unendlich dankbar. es war für uns alle bewegend wie wir die letzte lebensphase gemeinsam im hospiz verbringen durften.es war kein leichter weg, aber wir hätten uns keinen schöneren ort wünschen können.

 

Mit freundlicher Genehmigung von (Angehörige möchte nicht genannt werden):
Zunächst möchte ich vorausschicken, dass meine Mutter im September 2015 im Odenwaldhospiz an Krebs verstorben ist. Ich hätte mir für sie, aber auch für uns Angehörige in diesen letzten vier Lebenswochen keinen besseren Ort wünschen und vorstellen können.
Eine Erfahrung aus dieser Zeit möchte ich hier wiedergeben:

Ich hatte meiner Mutter zu Weihnachten und zu ihrem Geburtstag einen Geldbetrag für eine Reise geschenkt. Im Sommer zeichnete sich leider klar ab, dass sie diese Reise nicht mehr unternehmen kann und ich überlegte mir, womit ich ihr mit diesem Geld im Hospiz eine Freude bereiten könnte. Meine Idee waren Massagen, weil ihr diese auch früher immer gut getan haben. Natürlich keine klassischen Rückenmassagen, sondern Behandlungen, die ihrer Situation angepasst wären. Ich fragte daraufhin Frau Baier, die Pfegedienstleiterin des Hospizes, ob sie eine Physiotherapeutin kenne, die evtl. ins Hospiz kommen könnte. Spontan fiel ihr niemand ein, aber sie wollte gerne behilflich sein und sich umhören.

Nun verschlechterte sich der gesundheitliche Zustand leider in kürzester Zeit rapide und es war nicht mehr möglich diesen Wunsch, den ich auch mit meiner Mutter abgesprochen hatte, in die Tat umzusetzen  ­-  Meine Mutter lag im Sterben.

In diesen letzten wertvollen Tagen konnte ich nochmals sehr viel Zeit mit und bei ihr verbringen. Es besteht auch die Möglichkeit im Hospiz zu übernachten. Mein Bruder, meine Nichte und ich nutzten diese Gelegenheit und wachten an ihrem Bett. In der Nacht bevor sie starb, war ihr Zimmer von einer friedlichen Stille erfüllt. Nur zwei Kerzen brannten und verströmten sanftes Licht. Am frühen Morgen war ich dann doch so müde, dass ich auf dem Zustellbett, welches im Zimmer stand, für eine kurze Weile tief eingeschlafen bin. Mein Kopf lag dabei am Fußende meiner Mutter.
Als ich wieder aufwachte, bot sich mir ein wunderschönes Bild:

Die Nachtschwester  saß im Kerzenschein am Bett meiner Mutter und massierte ihr direkt vor meinen Augen die Füße! Meine Mutter, die nicht mehr sprechen konnte, stöhnte nur leise.

Ich war sehr ergriffen von dieser Situation und der erste Gedanke, der mir voller Freude in den Sinn kam, war: „Nun bekommt sie doch noch dieses Geschenk!“  Niemand hätte dies zu einem solchen Zeitpunkt noch organisieren können. Ich hatte geschlafen und genau zu dieser Zeit als ich nichts mehr für sie tun konnte, weil ich einfach zu erschöpft war,  ist es ohne mein Zutun einfach passiert. Gleichzeitig hat mich dieses Bild an die Fußwaschung Jesu erinnert und daran, wie er den Menschen diente. So, wie es diese Schwester eben in diesem Moment tat.

Die Schwester, der ich heute noch sehr dankbar bin,  wusste in diesem Moment gar nicht, was sie für uns tat. In einem späteren Gespräch erklärte sie, dass sie dies vorher noch nie so getan hätte und einem inneren Impuls gefolgt sei. Für mich war dies kein Zufall, sondern ein Geschenk Gottes und ein Zeichen dafür, dass er unsere kleinen Herzenswünsche manchmal sehr ernst nimmt und meiner Mutter nochmal wohl tuen wollte. So wurde in diesem Augenblick das Geschenk, welches ich meiner Mutter so gerne noch gemacht hätte, auch mir selbst zum Geschenk. Wenige Stunden später ist sie gestorben. Für mich ist diese Erfahrung  bis heute ein Trost.

Die Texte sind so wie zugesandt veröffentlicht