Benefizkonzert – Collagen übers Leben und den Tod

Stefan Müller-Ruppert und sein Sohn Bastian Ruppert trugen beim Abend für das Odenwald Hospiz im Rathaussaal Collagen, Gedichte, Erzählungen und Lieder zum Thema Geburt, Leben und Sterben vor. (Bild: Antje Bauer)

 Nur eine Stimme und ein Instrument, aber was für ein wunderbarer Abend! Und was heißt da – nur eine Stimme – wer Stefan Müller-Ruppert kennt, der kennt auch die reiche Modulationsfähigkeit seiner Sprache. Er flüstert, sprudelt, spricht gesetzt, plaudert in leichtem Ton, vermag Emotionen und Atmosphäre Ausdruck zu verleihen und versteht es einfach, sein Publikum in die jeweilige Stimmung der Gedichte, Geschichten und Parabeln eintauchen zu lassen.
Und er singt. Ein warmer Bass, den er je nach Thematik zu gestalten weiß, innig verhalten etwa beim „Tod eines Mädchens“ von Franz Schubert, voll Wiener Charme beim „Alleweil fidel“ oder wie ein Madrigal bei Carl Michael Bellmans „Trink aus dein Glas, der Tod steht auf der Schwelle“. Begleitet wurde er dabei jeweils von seinem Sohn Bastian Ruppert auf der Gitarre, einem Profi auf seinem Instrument.

„Ich wurde sehr nachdenklich bei der Anfrage, ob ich mir vorstellen könnte, ein Programm für die Arbeit eines Hospizes zusammenstellen zu könne“ gestand Müller-Ruppert zu Beginn des Abends, den der Förderverein Odenwald Hospiz in Walldürn in Zusammenarbeit mit dem hiesigen Rotary-Club veranstaltete. „Drei Bedingungen habe ich da gestellt“, so der Künstler weiter, „das waren drei Tage Bedenkzeit, die Bedingungen und die Inhalte“.
So entstand schließlich das Programm „Es ist ein Kommen und Gehen“, mit Collagen, Gedichten und gesungenen Beiträgen zu Geburt, Leben und Sterben mit auch mal gemäßigt heiterer Deftigkeit. Und heiter hatte dieser Abend auch gleich begonnen mit Karl Obermayrs leicht polternde Weigerung, überhaupt jemals sterben zu wollen. Geschichten zum Schmunzeln, Nachdenkliches, Zartes und Wunderbares gab es dann noch weiter zu hören.
Zärtlich das Gespräch mit dem kleinen Wesen, das „nahe unter Mutters Herz“ noch im Werden ist, von ganz anderer Qualität das Zwiegespräch der Zwillinge im Bauch der Mutter, wo Paul penetrant dagegen mosert, dass es – wie sich sein Bruder gewiss ist – ein Leben nach der Geburt gibt.
Dann erlebt man schon den „kleinen Fratz auf dem Kinderrad“, von dem man nicht so recht wusste, was aus ihm werden sollte oder Harald Hursts „Hampelmann“, nicht geplant, aber geglückt, der die Verwandtschaft und ihr Getue über sich ergehen lassen muss. Und genauso behutsam, wie man ein Kind behandeln soll, genauso behutsam interpretierte der Rezitator das bekannte „Sind so kleine Hände“ von Bettina Wegner.

Auch mitten im Leben, in seinen besten Jahren, kommt man nicht ganz am Gedanken an den Tod vorbei. So gibt es eine Anekdote von Peter Alexander, dem bei seinem Besuch auf dem Friedhof ein Grab angeboten wurde. „Rechts der berühmte Herr X, links der berühmte Herr Y und für Sie in der Mitte der herrliche Blick auf die Weinberge“.
Wie man dem Thema der eigenen Endlichkeit auch mit einem Lächeln begegnen kann, dazu ließ Müller-Ruppert Bob Dylan zu Wort kommen mit seinem „Du kannscht nix mitnähme“, dem die Übertragung ins heimische Idiom noch einen besonderen Reiz verlieh. Oder bei seiner Aufzählung, auf welche Art und Weise die einzelnen Berufsgruppen standesgemäß sterben – so segnet der Pfarrer das Zeitliche, der Optiker schließt für immer die Augen oder der Anwalt steht vor seinem Richter.
Drei Balladen von Reinhard Mey lieh der Sänger dann seine Stimme und man meinte fast, den Liedermacher selbst zu hören bei etwa der Geschichte von den Kinderhosen oder wie „grauer Regen fiel“.
Zwei wunderbare Geschichten von Franz Hohler – den zwei Büschen, die sich im Alter gegenseitig stützen und der Traumbrücke, die „repariert“, der alten Frau das Sterben erleichtert.

„Heute Abend geht es ja, wie Sie wissen, um das Odenwald Hospiz in Walldürn“, erklärte der Künstler. „So möchte ich einen Brief vorlesen von einer Frau, die ihre Mutter dort begleitet hat“. Es sei kein leichter Weg gewesen, so die Tochter, aber man habe ihn nicht schöner erleben können. Unheilbar krank sei die Mutter gewesen, die aber nicht im Krankenhaus hatte sterben wollen. „Es war ein großes Glück, dass wir einen Platz im Walldürner Hospiz bekamen“, so die Tochter. Die Atmosphäre sei angenehm, wohltuend, die Bewohner dort seien „Gäste“, keine Patienten. So werde auf vielfältige Weise auf die Wünsche der Gäste eingegangen, weil man ihnen die letzte Phase des Lebens so angenehm wie möglich gestalten wolle.
Verwundert waren die Angehörigen zunächst, weil ihre Mutter immer wieder erklärte, dass sie heim wolle – auch den Tag nannte sie. Und an diesem Tag starb sie auch, ruhig und friedlich und liebevoll begleitet. Da wurde der Familie klar, dass mit dem „Heim wollen“ der Mutter, die Ewigkeit gemeint war.
Noch so mancher Beitrag der beiden Vortragenden folgte nach diesem Brief, Gedanken etwa von Dichtern verschiedener Epochen zum Thema Alter und Gehen, wie „Der alte Mann am Fenster“ von „PUR“ oder ein Spruch aus Afrika, der die selig preist, die Verständnis für all die Gebrechen des Alters zeigen.

Helmut Greulich, der Vorsitzende des Fördervereins, dankte am Ende dieses eindrucksvollen Abends zunächst einmal den beiden Künstlern. „An dem reichen Beifall habt ihr gemerkt, wie sehr eure Darbietung das Publikum beeindruckt hat.“. Ihnen sei es gelungen, was sie sich bei der Konzeption ihres Programms vorgenommen hatten; nämlich dazu beizutragen, die eigenartige Scheu und die seltsamen Berührungsängste, die viele mit dem Thema Tod und Sterben haben, abzubauen.
Sein Dank galt aber auch der Stadt Tauberbischofsheim, die den Rathaussaal zur Verfügung gestellt hatte, Johannes Benz, der den Vorverkauf übernommen hatte, und den Organisatoren des Abends.

Sinn dieses Abends sei auch gewesen, so Helmut Greulich weiter, das Hospiz in Walldürn hier in Tauberbischofsheim bekannt zu machen.
Seit rund drei Jahren besteht die Einrichtung nun, etwa 250 Gäste habe man auf ihrem letzten Weg begleiteten können, und dabei auch den Angehörigen und Freunden Trost und Hilfe geben können. Der Förderverein unterstützt das Walldürner Hospiz finanziell und ist dankbar für jede Spende. Denn mindestens fünf Prozent der Betriebskosten müsse das Hospiz selbst aufbringen, ist also auf Spenden angewiesen

© Fränkische Nachrichten, 30. November 2017