Dr. Daniela Tausch: „Jeder stirbt seinen ganz persönlichen Tod“

FÖRDERVEREIN DES ODENWALD-HOSPIZES: In der Kapelle Maria Rast fand am Mittwochabend ein Vortrag zum richtigen Umgang mit dem Lebensende statt

WALLDÜRN. Auf Initiative des Fördervereins Odenwald-Hospiz sprach Dr. Daniela Tausch am Mittwochabend in der Kapelle Maria Rast über verschiedene Aspekte der häufig intensiven letzten Lebensphase.

Aus ihren zahlreichen Veröffentlichungen und ihrem persönlichen und reichhaltigen Erfahrungsschatz erläuterte die Diplom-Psychologin und Initiatorin des Stuttgarter Hospizdienstes den zahlreich erschienenen Zuhörern das Anliegen der Hospizbewegung eindrücklich.

So müsse man nicht nur die Sterbenden, sondern auch die Angehörigen im Trauerprozess begleiten. Es sei für die Betroffenen "normal, in dieser Zeit unnormal sein zu dürfen".

Angehörige erlebten bisweilen widersprüchliche Gefühle - etwa Anteilnahme am geliebten Menschen und gleichzeitig den erlösenden Todeswunsch für den Sterbenden. Auch das Planen für die Zeit nach dessen Tod dürfe man sich ohne Schuldgefühle erlauben.

Ehrenamtliche und freiwillige Begleiter sind für Sterbende eine große Hilfe. Der Sterbende empfinde Wertschätzung, wenn er sich bewusst macht, dass es Menschen gibt, denen er ohne Bezahlung wichtig ist. Weiter ermuntere die ehrenamtliche Begleitung zögerliche oder unsichere Angehörige, sich in den Sterbeprozess selbst mit einzubringen.

Ein offenes Ohr beim Begleiter
Manche Sterbende äußern gegenüber dem Arzt, sie hätten keine Schmerzen, obwohl sie beim freiwilligen Begleiter, dem sie sich vielleicht etwas näher fühlen, über Schmerzen klagen. Hinweise ehrenamtlicher Helfer an das Team könnten für den Hospiz-Gast sehr hilfreich sein.

Symptome des Sterbens wie Schmerzen berührten viele Bereiche. Es gebe, so die Referentin, medizinischen Schmerz, systemischen Schmerz durch das persönliche Umfeld des Sterbenden - etwa in Form von Trauer in der Familie - oder Schmerz auf spiritueller Ebene.

Wichtig für in der Hospizbewegung arbeitende Begleiter sei die Kontinuität und das Aushalten in einem angefangenen Prozess. Oft werde man unvorbereitet von einem Todesfall überrascht. Deshalb mache es Sinn, sich zu Lebzeiten mit dem Thema des Sterbens auseinanderzusetzen. Dr. Tausch äußerte ihre Meinung, dass dies sogar fröhlicher und dankbarer für die unendlich kostbare Lebenszeit mache. Eine frühzeitig erstellte Vorsorgemappe ist hier eine große Hilfe für alle Seiten.

Sterben gehöre zum Leben. Es gibt nach Auffassung der Referentin deshalb auch keinen verlorenen Lebenskampf. "Ich kann sterben und das überlebe ich auch", meinte sie humorvoll. Man brauche keine Angstszenarien aufbauen, denn der Körper wisse, wie er stirbt und was er dazu braucht. Hierin sei der Tod der Geburt ähnlich. Angst vor dem Unbekannten sei natürlich, denn jeder sterbe seinen ganz persönlichen Tod. Dazu gehöre bei vielen auch Verleugnung, Verdrängung und Angst.

Als Begleiter sei es gut, auf Fragen nach dem "Warum" keine Antworten und Begründungen zu geben und die Situation schweigend mitzutragen. Hinter dieser Frage stecke oft das "Nicht-Annehmen-Wollen" des Sterbens.

Die Würde achten
Auch mache es als Begleiter keinen Sinn, bei Sterbenden und Angehörigen auf Konfliktlösungen zu drängen. Es sei allein die Angelegenheit des Sterbenden zu entscheiden, wie er sterben wolle und ob er eine Versöhnung mit Angehörigen wünsche. Die Würde und der Respekt vor dem Sterbenden gelte es zu achten. Über den Tod hinaus sei auch respektvoll mit dem Leichnam umzugehen. Als Anregung für Hinterbliebene könne ein Foto des geliebten Toten für die Trauerzeit und später hilfreich sein.

Es gelte hier, die Menschen zu ermutigen, individuell Abschied zu nehmen, denn auch der Trauerprozess benötige seine Zeit. Eine Begleitung der Angehörigen in der Trauer erleichtere den Abschied.

Zurückbleibende fühlten sich nach dem Tod des Angehörigen plötzlich allein. Selbst nach einem Jahr seien gerade die Wochenenden, an denen Familien in der Regel intensiver miteinander leben, allein oft schwer zu ertragen. Trauer, umgedeutet als Wut auf den Verstorbenen, der einen alleine zurücklässt, sei ebenso normal wie Erinnerungen an vergangene gemeinsame Erlebnisse.

Als Anregung gab Dr. Tausch dem interessierten und großen Zuhörerkreis noch fünf Dinge mit auf den Weg, die Sterbende rückblickend auf ihr Leben anders oder intensiver machen würden. Sie wünschten sich:

  • Weniger gearbeitet und mehr Kontakt zu Freunden gehalten zu haben.
  • Mut zu haben, sich selbst treuzubleiben.
  • Dem Leben mit mehr Neugierde zu begegnen.
  • Den eigenen Gefühlen häufiger Ausdruck zu verleihen.
  • Sich viel mehr Freude im Leben zu gönnen.
  • © Fränkische Nachrichten, Freitag, 31.07.2015
    Mit freundlicher Genehmigung
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